In den konsumorientierten Innenstädten stehen zunehmend Großstrukturen leer. Diese gilt es einer neuen Nutzung zuzuführen, ohne die bereits verbauten Ressourcen und Energie zu verschwenden. Das AusBauHaus bietet in diesem Sinne neue Lebens- und Arbeitsräume in einem ehemaligen Kaufhaus und zeigt am plastischen Beispiel, wie die sozial-ökologische Transformation funktionieren kann. Im Fokus unseres Entwurfs stehen Gemeinschaftseigentum, „Teilen statt Besitzen“, der positive Umgang mit kontinuierlicher Veränderung sowie die Bereitstellung baulicher Strukturen für eine nachhaltige Gesellschaft. Wir verstehen die Stadt als Werkstatt, in der Menschen mit gemeinsamen Zielen zusammenkommen. Die im AusBauHaus entwickelten Grundprinzipien lassen sich auf vergleichbare Großstrukturen, wie sie weltweit vorzufinden sind, übertragen.
Problematik
In vielen deutschen Innenstädten stehen aus der Zeit gefallene Kaufhäuser zunehmend leer. Die monofunktionale Ausrichtung dieser Zentren auf Konsum hat sich aufgrund des Onlinehandels und beschleunigt durch die Pandemie überlebt.
Zeitgleich ist die Hürde für junge Stadtmacher:innen, selbst in der Innenstadt aktiv zu werden und Veränderungen anzustoßen, nach wie vor viel zu hoch. Überzogene Renditeerwartungen verhindern noch immer die Entwicklung von Freiräumen für neue Ideen.
Unserer Meinung nach braucht es zentrale Orte, an denen durch Kooperation eine neue, gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung und Belebung unserer Innenstädte heranwachsen kann. Das verlangt die Integration von Wissen, Wohnen, Arbeiten und Leben im Herzen der Stadt.
Anforderungen
architektonisch: neue Bedarfsanforderungen an bestehende Baustrukturen
städtebaulich: Eingliederung, Nutzungskonzept & Wegebeziehung im Umfeld
gesellschaftlich: Wie wird das Angebot angenommen/genutzt? Was entwickelt sich?
infrastrukturell: Wie werden die Flächen bespielt und wirtschaftlich genutzt?
nachhaltig: adaptives, zukunftsträchtiges & umweltfreundliches Design
Das massive Tragwerk, die weitläufigen Etagen mit den freispannenden Deckenkonstruktionen und die bereits enthaltene technische Infrastruktur ermöglichen es, die vorhandene Bausubstanz für vielfältige neue Nutzungen wiederzubeleben. Die vormals geschlossene Fassade wird geöffnet. So entstehen offene Etagen – die als „Terrassen“ einen ganz neuen Eindruck des Gebäudes und für die Benutzer:innen ganz neue Möglichkeiten bieten. Zugleich bleiben Teile der markanten „Horten-Kacheln“ als Geländer erhalten und bewahren somit den architektonischen Charakter. Deckendurchbrüche bringen mehr Tageslicht in die weiten Geschossflächen und führen diese räumlich-erfahrbar zusammen. Die Einschnitte sind mit Bedacht auf den Sonnenstand der Jahreszeiten gewählt um den lokalen Klimabedingungen gerecht zu werden.
Gewohnt wird in erweiter- und gestaltbaren Räumen, die zu Gruppen jeweils mit einem freibespielbaren Gemeinschaftsraum ergänzt werden. Bedarfsgerecht können alle Objekte stetig verbessert, aus- und umgebaut werden. Verwendet wird eine leimfreie und systemische Leichtbauweise, die Bewohner:innen mit eigenen Mitteln herstellen und bearbeiten können. Vorhandene Ressourcen (bspw. Materialien, Wärme, Regenwasser, etc.) können in dieser unmittelbaren Nähe umgehend kreativ weiter genutzt werden. Gastronomie, Freizeit- & Gewerbeflächen ergänzen das Programm in unmittelbarer Beziehung zum Wohnen.
Die vorgegebenen Räume des Hauses sind Ordnungen und Atmosphären, die zum Begehen, Begreifen und Beleben, zum Umstoßen und Neumachen gedacht sind.Vorgefundenes wird im Laufe der Zeit stetig aus- und umgebaut, wodurch eine Lebendigkeit ohne Endzustand erhalten wird.
In den unteren Geschossen sind diverse Werkstätten in einem öffentlichen „Kreativspace“ eingefasst. Zusätzlich werden Dinge des nicht alltäglichen Lebens über eine „Equipmentsammlung“ verliehen. Diese gemeinschaftlichen Einrichtungen werden, wie bspw. eine Bibliothek, durch die öffentliche Hand getragen. Im Angebot enthalten sind Arbeitsplätze, Schließfächer, Werkräume, Studios und temporäre Mietateliers. Mit der so erreichten Verfügbarkeit von Wissen, Werkzeugen und Werkräumen wird die Hürde gesenkt, als Stadtmacher:innen aktiv zu werden und Chancenungleichheiten zu verringern. Das AusBauHaus bietet einen Ort des Sharings und Commonings und leistet so einen Beitrag, unsere Abhängigkeit vom Konsum und die triste Monofunktionalität unserer Innenstadt zu überwinden.
Als Lebens- und Kulturort bildet das “AusBauHaus” einen wichtigen Beitrag für die Stadt der Zukunft, in der gewohnt, gearbeitet, saniert und recycelt wird. Das gemeinschaftliche Haus fördert Vernetzungen und bietet Raum für individuelle Verwirklichung. So können Ideen und Lebensformen wachsen, die über die Grenzen des Grundstücks hinausgetragen werden.
Studierende:André Mey (HSB)Architektur & Environmental DesignJanusz Kendel (HfK)Masterstudio System & Interaktion
Betreut durch:
Prof. Christian von Wissel (HSB)Prof. Detlef Rahe (HfK)Prof. Tanja Diezmann (HfK)Prof. Ulrike Mansfeld (HSB)